ISSUE is the new BLACK!


Seltsames Heftchen gefunden? Steht zufällig "Issue" drauf? Volltreffer! Issue ist ein junges Kunstmagazin, das u.a. mit dem Slogan "For Your Eyes Only" wirbt und derzeit in der aktuellen 2. Ausgabe zum Thema "BLACK" Position bezieht. Art Armada bat zum Interview und sprach mit den Herausgebern Stephan Hilpert (27) und Tim Pickartz (28) über das ungewöhnliche Projekt Issue, kleine geile Heftchen und Softie-Guerillas.


Wie und wann seid ihr auf die Idee gekommen, ein Kunstmagazin herauszugeben?
Stephan: Also ich weiß nur, dass ich schon immer so ein kleines geiles Heftchen machen wollte und als ich Tim so ein Exemplar von der "Konkurrenz" zeigte, war er denke ich auch angetan. Oder Tim?
Tim: Zunächst einmal ist mir wichtig, dass wir das Rad nicht neu erfunden haben. Aber wir sind einen alten Missstand angegangen: Es ist immer schwierig eigene künstlerische Arbeiten einer Öffentlichkeit zu präsentieren, wenn man nicht bereits einen gewissen Ruf hat. Und vor etwa einem Jahr lag bei Stephan (auf dem Klo) ein nettes Fanzine aus London herum. Wir wollten auch was Schönes machen und sind am Ende bei Issue gelandet.
Stephan: Ach richtig, so war das... zum Glück lege ich immer Dinge zum Zeitvertreib ins Badezimmer.

 © Issue-Magazin (Pickartz/Hilpert)


Was ist das Besondere an Issue?
Stephan: Issue kommt, im Gegensatz zu so manch anderem kostenlosen Heftchen oder Flyer, in einem recht "hochwertigen" Zustand daher, nicht nur was die Produktion angeht, sondern auch das Inhaltliche. Unsere Ansprüche sind schon recht hoch, für eine Sache, die der geneigte Leser mitnimmt, kurz durchblättert und danach eventuell wieder vergisst.
Tim: Ja Issue ist gleichzeitig Kunstwerk und Wegwerfprodukt, das ist schon was besonders.
Stephan: Und das natürlich jeder mitmachen kann. JEDER!!!
Tim: Nicht ganz jeder, wir wollten uns doch ein Vetorecht beibehalten?

Ihr schreibt in eurem Blog, dass Issue aus dem Wunsch nach Teilhabe heraus entstanden ist. Welche Intention steckt dahinter und welches Potenzial seht ihr?
Tim: Wir gehen davon aus, das viele Menschen - nicht nur Profis - tolle künstlerische Produkte herstellen. Aber davon kriegen wir und die Öffentlichkeit im Allgemeinen natürlich nichts mit. Genauso wenig wie die von uns. Das ist doch schade. Natürlich könnte jetzt jeder auf die Idee kommen, seinen eigenen kleinen Blog zu schreiben oder eine Ausstellung zu machen. Issue bietet allerdings die Möglichkeit, dass alle Teilnehmer von den anderen profitieren: künstlerisch, finanziell und logistisch. Denn das Heft muss ja auch gedruckt und verteilt werden.
Stephan: Genau. Es ist ein vorteilhaftes Mitmachprojekt und genau da sehe ich unser Potenzial: Durch die verschiedenen Teilnehmer und deren variierender Arbeiten erreicht man so hoffentlich eine breitere Masse an Interessierten und da die Mitmachenden geografisch nicht an der selben Stelle wohnen, findet das Heft auch seinen Weg in ganz unterschiedliche Städte und Locations. Das ist schon cool.

An wen ist Issue gerichtet?
Stephan: Hauptsächlich an alle Gestaltungsinteressierten, oder Tim?
Tim: Nun ich würde sagen an Hinz und Kunz.
Stephan: Hinz und Kunz?
Tim: Natürlich ist es erstmal ein künstlerisches Magazin, aber wir gehen ja bewusst auch an Orte wie Fitnessstudios oder einen Supermarkt, wo alle möglichen potenziellen Leser vorbeischauen.

© Issue-Magazin (Pickartz/Hilpert)

Wie seid ihr selbst zur Kunst gekommen?
Tim: Nun ich für meinen Teil habe Kunst studiert, auf Lehramt. Mittlerweile promoviere ich im Bereich der Kunstvermittlung. Neben meiner eigenen künstlerischen Arbeit liegt die Idee, ein künstlerisches Kommunikationsprojekt zu starten, fast schon auf der Hand.
Stephan: Diese ganze Gestaltungssache wurde mir eigentlich in die Wiege gelegt. Ich wusste schon früh, dass ich so was mal beruflich machen will. So habe ich sechs Jahre lang in Paderborn als Grafikdesigner gearbeitet und nun mache ich weiter in Weimar mit einem Studium der Visuellen Kommunikation. Yeah!

Was haltet ihr von Kunst- und Statementmagazinen allgemein? Holt ihr euch dort Inspirationen oder wollt ihr euch bewusst davon abgrenzen?
Tim: Nichts. (lacht)
Stephan: Also ich suche meine Inspirationen eher woanders. In dicken alten Büchern, im Internet auf Blogs und Google oder – sehr gerne – in Filmen.
Tim: Kunstmagazine der verschiedensten Ausrichtungen haben natürlich ihre Daseinsberechtigung und inspirieren mich auch. Allerdings ist es doch so ähnlich, als ob ich die Gala lese: Da steht ne Menge drin über die Stars und Sternchen der Kunstszene, aber betrifft mich das wirklich? Wir wollten mit Issue etwas schaffen, was jeder Teilnehmer mit formen kann, ein offenes Forum bieten. Somit ist es ein Vorteil, dass unser Magazin noch relativ klein ist.

© Issue-Magazin (Pickartz/Hilpert)

Issue gibt es ja nicht nur als Printausgabe, sondern ihr habt auch einen eigenen Blog. Wie wichtig ist für euch das Internet?
Stephan: Der Blog ist uns schon wichtig, denn nur so haben wir die Möglichkeit, mit anderen in einen Dialog zu treten. Also wenn jemand mitmachen will oder einfach nur begeistert ist und eine Ausgabe bestellen möchte. Aber Print ist uns selbstverständlich noch wichtiger, da die Issues "Unikate" sein sollen und eben nur in begrenzter Stückzahl existieren.
Tim: Deshalb haben wir uns auch dagegen entschieden, eine Webversion der jeweiligen Ausgabe zur Verfügung zu stellen. Man kann ne Menge im Blog finden, aber eben nicht das "Original". Die erste Ausgabe ist übrigens quasi vergriffen, wer also eine hat, sollte sie pfleglich behandeln.

In eurem Blog schreibt ihr, dass man die Issue auch beim „Lieblingsitaliener auf dem Weg zum Klo“ vorfinden kann. Welche Strategien habt ihr, um euer Magazin zu verbreiten?
Tim: Wir versuchen mit unserem Heft zu überraschen. Natürlich auch inhaltlich, aber zunächst erstmal dadurch, dass es überhaupt da ist. Und wo es ist. Jeder der mitmacht, hat auch die schwere Bürde einige Ausgaben auf Reisen an den unmöglichsten Orten zu hinterlassen. Man kann uns wie es scheint in Paris finden, in Cuxhaven aber eben auch in Wuppertal beim Lieblingsitaliener. Dadurch trifft das Magazin immer auf neue Leser. Teilweise wird es dadurch aber auch schwierig bis unmöglich eine Ausgabe zu finden, deshalb haben wir natürlich auch immer welche in der Hinterhand und seit neuestem kann man sie auch über unseren Blog bestellen.

© Issue-Magazin (Pickartz/Hilpert)

Habt ihr auch schon einmal auf Guerillatechniken zurückgegriffen?
Tim: Im Grunde ist das ganze schon Guerilla... oder glaubst du, wir fragen im hochheiligen "Hamburger Bahnhof", ob wir unser Heft auslegen dürfen? Das wird einfach zu den hauseigenen Flyern gepackt. Aber natürlich sind wir bisher eher Softie-Guerillas. Aber soviel sei verraten: In der dritten Ausgabe von Issue soll es einen Beitrag im Bereich Street-Art geben. Vielleicht wird es dann etwas wilder...
Stephan: Genau, gefragt wird eigentlich nie. Sondern spontan da hin gelegt, wo man meint, es gibt potenzielle Interessierte. Ich glaube nicht, dass wir auf diverse Guerillatechniken zurückgreifen müssen, da wir mit unserem Magazin ja nicht eine wichtige Botschaft verbreiten wollen, die unbedingt wahrgenommen werden muss... nein, wir wollen das eher „dezent“ halten. Deshalb ist es eher Glück, wenn man mal so ein Heft findet und dann auch noch Interesse dafür zeigt.

Das Thema des aktuellen Heftes ist BLACK. Was erwartet die Leser?
Tim: Nachdem die erste Ausgabe zum Thema "Der große Schlaf" sehr bunt war, wollten wir einen schlichten, grafischen Schwerpunkt setzen. Auf den ersten Blick ist das Ergebnis sehr düster. Kaum verwunderlich bei dem Thema. Allerdings hoffen wir, dass es uns gelungen ist, einige neue Sichtweisen auf Schwarz zu ermöglichen, einige Facetten aufzudecken. So erwartet den Leser viel (schwärzliches) Bildmaterial und wenig Text.
Stephan: Es ist natürlich gewagt, in den eher sonnigen Wochen des Jahres eine so „schwermütige“ Ausgabe raus zu bringen. Aber vielleicht ist es eben auch das, was unser Magazin so interessant macht. Dass man nicht mit dem Erwarteten rechnen kann. BLACK bietet eben keine sommerlichen Themen, die man u.U. in anderen Magazinen vorfindet. Wir bieten das, was uns gerade beschäftigt. Wo wir denken, es wäre interessant zu sehen, mit was für Arbeiten unsere Mitmachenden aufwarten. So ist es in Issue #2 recht gut gemixt: düstere Illustrationen, einfarbige Rätsel, stimmungsvolle Fotografien, abstrakte digitale Arbeiten und Typografie/Text, die sich mit der Nicht-Farbe beschäftigen.

 © Issue-Magazin (Pickartz/Hilpert)

Wie kommt ihr auf eure Themen und seid ihr euch bei der Entscheidungsfindung immer einig?
Stephan: Ich glaube niemand ist sich von Anfang an 100% einig, wenn es um die Kreation von etwas geht: sei es die Erstellung der Arbeiten, die Bewertung dieser oder am Ende die Zusammenstellung. Bei uns ist es genau wie in jeder anderen Redaktion, dass ausführlich diskutiert und dann entschieden wird. Themenfindung ist nie leicht. Zumindest nicht für mich.
Tim: Das erste Thema war der Versuch, es uns einfach zu machen, weil wir beide grade zum Schlaf gearbeitet haben. Tatsächlich haben es dann ganz andere Arbeiten ins Heft geschafft. Uns ist es wichtig, dass die Themen gleichzeitig eine gewisse Denkrichtung vorgeben, aber doch so offen sind, dass nicht klar ist, was uns als Herausgeber und später die Leser erwartet. Dabei ist auch klar, dass ein interessantes Thema nicht vom Himmel fällt. Aus den verschieden Wünschen wurde vielmehr im Laufe eines Abends am Computer ein gemeinsames Ergebnis. Natürlich sind wir auch offen für Vorschläge von anderen.
Stephan: Oder jemand wacht mit einer spontanen, supertollen Idee auf. Das wäre auch mal toll! (lacht)

© Issue-Magazin (Pickartz/Hilpert)

Da bei Issue jeder mitmachen darf, könnt ihr ja vorher nur schwer abschätzen, wie die Themenbeiträge ausfallen. Wie geht ihr damit um?
Tim: Bisher haben elf verschiedene Personen Beiträge zu Issue beigesteuert, da war es recht leicht. Allerdings stehen wir zu unserer Offenheit. Wer mitmachen will, kann mitmachen. Soll mitmachen. Das ist das große Potenzial, aber auch eine Gefahr. Wahrscheinlich wird irgendwann der Fall eintreten, dass wir eine Einsendung nicht akzeptieren können oder wollen.
Stephan: Ich finde jeder sollte damit umgehen können, wenn seine Arbeit nicht ausgewählt wird. Ich selbst musste das ja auch schon des öfteren erfahren – im Job oder bei Call-for-Entries-Projekten, bei denen ich mitmachen wollte. Das soll einen dann aber nicht verzweifeln lassen, sonder doch ermutigen, es vielleicht. noch einmal zu versuchen, denn wir werden – wenn es dann mal der Fall ist – unsere Entscheidung der Ablehnung klar begründen und Tipps geben.
Tim: Altkluge Tipps geben kann ich. Aber im Enst: Grade diese Offenheit reizt mich an dem Projekt. Wenn ich vorher wüsste wie das Heft aussieht, bräuchte ich es gar nicht.

Was war euer bisher größter Erfolg als Herausgeber?
Tim: Issue ist unser beider erstes Projekt. Und somit auch der größte Erfolg. Dieser Erfolg wird natürlich im Feedback spürbar. Wenn man merkt, dass das Heft auf echtes Interesse stößt und eben nicht als Wegwerfprodukt angesehen wird. Ich glaube dieser emotionale Erfolg ist umso wichtiger, als dass es keinen wirtschaftlichen Erfolg geben wird: Das Magazin ist und bleibt kostenlos.

Was habt ihr euch für die Zukunft vorgenommen und was erwartet uns in der nächsten Issue?
Tim: Unser nächstes Heft läuft unter dem Label "El Dorado". Klingt zunächst recht festgefahren, aber bietet tatsächlich so wenig, dass man schon etwas assoziativer herangehen muss. Ich denke an eine sehnsuchtsvolle Reise mit einer ganz miesen Enttäuschung an ihrem Ziel. Ich bin gespannt, woran die anderen gedacht haben...
Stephan: Ich bin auch sehr gespannt auf die Beiträge zur nächsten Ausgabe. El Dorado sollte ja jedem ein Begriff sein. Wir versuchen aber eben nicht, jenes sagenumwobene Goldland zu visualisieren. Das wäre ja öde. Also lassen wir uns überraschen! Und das ist sozusagen auch unser Prinzip für die Zukunft: überraschen lassen, was den Inhalt angeht, was die Mitmachenden angeht und die Orte, wo wir demnächst zu finden sein werden.

© Issue-Magazin (Pickartz/Hilpert)

Vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Informationen zu dem Projekt findet ihr hier.

2 comments:

  1. Ein spannendes Interview mit wunderbaren Fotos! Sehr, sehr gelungen! Ab jetzt halt ich die Augen (an jedem noch so ungewöhnlichen Ort) nach dem Issue-Magazin offen!

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  2. Ich halte auch die Augen offen, bin aber ganz ehrlich: Beim Lieblingsitaliener auf dem Weg zum Klo würd ich kein Exemplar mitnehmen, wer weiß wie viele es als "Klolektüre" benutzt und danach wieder zurückgelegt haben...

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