So wars auf der DOCUMENTA (13) in Kassel



Am Wochenende war ich auf Heimurlaub und musste mir natürlich den heißesten Tag des Jahres aussuchen, um die dOCUMENTA (13) in Kassel zu besuchen. Eigentlich wollte ich ganz entspannt einen Teil der 150 gezeigten Positionen anschauen und zwischendurch schön in der Karlsaue flanieren und ein paar tolle Fotos von den Ausstellungsstücken im öffentlichen Raum schießen, damit ihr hier etwas zu sehen bekommt. Aber bei der brütenden Hitze musste ich mich mit den nur teilweise klimatisierten Klassikern Fridericianum, documenta-Halle, Ottoneum, Orangerie und der Neuen Galerie zufrieden geben und habe damit leider leider bei Weitem nicht das geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Also entschuldigt bitte das spärliche Bildmaterial. Ich habe alle genannten Künstlerinnen und Künstler so verlinkt, dass ihr euch mit einem Klick auf die Namen und Werktitel mehr Infos und Bilderstrecken zu den genannten Arbeiten anschauen könnt.
Zu aller erst muss ich sagen, dass die d(13) die dritte dOCUMENTA war, die ich besucht habe und sie für mein Empfinden ganz anders war, als ich es von den vorherigen Ausstellungen gewohnt war. Dies mag an dem Konzept gelegen haben, bei dem zu meiner persönlichen Freude viele feministische Positionen vertreten sind und das einen Fokus auf alternative Weltsichten legt, aber die Kontexte dabei teilweise dermaßen weit aufspannt, dass ich mir besonders in der Orangerie eher wie in einem Computer- oder Astronomiemuseum vorkam. Dies war durchaus nicht uninteressant, aber die Fülle an Bezügen und Zusammenhängen war für meinen Geschmack manchmal doch etwas zu gigantisch für die gezeigten Arbeiten. 
Mein Favorit war auf jeden Fall die Neue Galerie, nicht zuletzt auch, weil dort Gemälde von Emily Carr ausgestellt werden, eine 1945 verstorbene kanadische Künstlerin, deren aufregendes Leben und modernistisches Werk mich schon seit längerer Zeit sehr fasziniert haben und ich immer ein wenig traurig darüber war, dass sie in Deutschland so unbekannt ist.
Außerdem zählen die folgenden fünf Werke definitiv zu meinen Lieblingsexponaten im Museum der 100 Tage:

1. Ida Applebroog: I SEE BY YOUR FINGERNAILS THAT YOU ARE MY BROTHER
Beginnen möchte ich mit dem Raum der New Yorker Künstlerin Ida Applebroog im Fridericianum. Nachdem ich mich schon durch die laangen Schlangen vor "The Brain" (mit Arbeiten von Dalí und Man Ray) sowie vor dem Raum mit den spannenden Kartographien der politisch-wirtschaftlichen Netzwerkstrukturen von Mark Lombardi hindurchgeschoben hatte und mit ansteigender Etagenzahl die Luft immer drückender und die Beine immer schwerer wurden, war dies das erste Werk, mit dem ich mich in der Ausstellung angekommen fühlte. Schon von weitem sah ich diese überlebensgroße Fratze auf einem Frauenkörper an der Wand, die mich ohne weitere Umwege in diesen Raum hineinlockte. Dort angekommen erblickte ich zunächst ein Durcheinander an eingeschweißten Paletten und Pappkartons, herumwuselnde, wühlende und suchende Menschen, Wände voller Dokumente, Zeichnungen, handschriftlicher Notizen, abgerissener Papiere, mit Schreibmaschine beschriebener Schnipsel, Tafeln mit herrlichen Aufschriften wie: "YOU THINK I`M AN IDIOT - FIRST I`M AN ARTIST", "YES THIS IS ART" oder  "WHO`S THE ARTIST? NEVER HEARD OF HIM".  Diese Ansammlungen von Fragmenten und Fundstücken sehen nicht nur verdächtig nach Archivmaterialien aus, sondern es handelt sich hier tatsächlich um Auszüge aus dem Archiv der Künstlerin, die dort nicht nur öffentlich präsentiert werden, sondern auch Stapelweise zum Mitnehmen ausliegen. Wenn eine Künstlerin hier schon ihre privaten Aufzeichnungen und Sammlungen zur Schau stellt und so bereitwillig reproduziert, dann kann ich als eine von einer Million Besuchern nur eins, nämlich beherzt zugreifen!

Meine stolze Ausbeute aus Ida Applebroogs Archiv

2. Yan Lei: Limited Art Project
Bei diesem Kunstwerk muss ich zugeben, dass ich schon im Vorfeld viel darüber gelesen hatte und es deshalb kaum erwarten konnte, das Limited Art Project des chinesischen Künstlers Yan Lei in der documenta-Halle persönlich zu sehen. Dabei handelt es sich um 350 Malereien, die in verschiedenen Formaten und Größen einen ganzen Raum füllen. Die bunte Motivpalette reicht von porträtierten Persönlichkeiten wie Sarkozy, Putin oder der Queen über banale Eisbecher, Eisberge und Skelette bis hin zu Zitaten alter Meister von Vermeer, Dürer oder Boticelli. Sie dokumentiert die Internetfunde des Künstlers innerhalb eines Jahres. Spannend wird die Sache erst vor dem Hintergrund, dass nicht die populären Motive selbst die Botschaft überbringen, sondern das dahinterstehende Konzept. So werden die einzelnen Arbeiten nach und nach abgenommen, einfarbig mit Autolack übergesprüht und anschließend wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückgehängt. Während also zu Beginn der d(13) der ganze Raum voller figürlicher Darstellungen war, werden diese nach und nach getilgt, um monochromen Farbflächen Platz zu machen. Der Künstler versieht seine Bilder absichtlich mit einem Verfallsdatum, denn entgegen der ständigen Verfügbarkeit der Motive im Internet, sind seine Werke am Ende der Schau unwiederbringlich dahin. Was bleibt sind Fragen: Was wird man vermissen? An was kann man sich noch erinnern? Was mag auf den leeren Flächen einmal gewesen sein?
Mich hat vor allem die Konsequenz beeindruckt, mit der der Künstler sein eigenes Werk opfert, um den Betrachtenden ihre Verlustangst vor Augen zu führen und angesichts der multimedialen Bilderflut berechtigt zu fragen, ob wirklich jeder Abklatsch, den der Mensch an visueller Kunst und Kultur hervorbringt, auch erhaltenswert ist.

3. Zanele Muholi: Faces and Phases
Sehr tiefgreifend bewegt hat mich die aufrüttelnde Porträtserie Faces and Phases von Zanele Muholi in der Neuen Galerie. Die südafrikanische Künstlerin und Aktivistin für gleichgeschlechtliche Partnerschaften kartografiert und archiviert hier in 60 Schwarz-Weiß Fotografien die Lebenssituationen farbiger homosexueller und transsexueller Frauen in Südafrika. Dabei legt sie ein besonderes Augenmerk auf die verschiedenen Rollen und Identitäten, die die Frauen beispielsweise als Schauspielerinnen, Wissenschaftlerinnen, Anwältinnen oder Fußballerinnen auf der einen und ihren Erfahrungen mit gesellschaftlichem Unverständnis, mit Ächtung und Hasskriminalität auf der anderen Seite auszeichnen. Mit ihren Arbeiten verleiht die Fotografin dieser auch aus historischer Perspektive Südafrikas oft unsichtbar gemachten Minderheit durch selbstbewusste und stolze Persönlichkeiten eine visuelle Stimme, die ihre Existenz und ihre innere Stärke an einer Station ihrer Lebensgeschichte auf sehr eindringliche Weise für die Nachwelt festhält. Ich finde, dass es gar nicht genug Porträtserien über queere und alternative Weiblichkeitsmodelle geben kann.

4. Geoffrey Farmer: Leaves of Grass
Geoffrey Farmers bildgewaltige Installation Leaves of Grass gehört auch zu den Arbeiten, von denen ich vorher schon gelesen hatte. Allerdings ist es ein großer Unterschied, ob man eine Abbildung von der schier endlosen Reihe an ausgeschnittenen und nach bestimmten Mustern, Ähnlichkeiten und Chronologien sortierten Fotografien aus dem US-amerikanischen Life-Magazin in einer Zeitschrift betrachtet oder den undurchdringlichen Bilderdschungel aus 50 Jahren amerikanischer Kulturgeschichte von 1935 bis 1985 selbst abschreitet. Denn erst beim direkten Kontakt mit den Jahrzehnten, den Themen, Moden und Kunstwerken sowie den prägenden Gesichtern des 20. Jahrhunderts von Twiggi und Arnie bis Hitler und Star Wars, ergeben sich Schritt für Schritt und Blickwinkel für Blickwinkel immer neue Perspektiven und Zusammenhänge, die von Konsumkultur, historischen Umbrüchen und Entwicklungen, politischen und weltgeschichtlichen Meilensteinen sowie den Kreisläufen des Lebens erzählen und deren Übergänge nicht allein durch die Ablösung von Schwarz-Weiß durch Farbe gekennzeichnet sind. Es gibt wohl kaum ein eindrucksvolleres Werk, dass die Konstruktion des kulturellen Gedächtnisses über Bilder anschaulicher vor Augen führt.

5. Julie Mehretu: Mogamma (A Painting in Four Parts)
Ich habe im Moment einen Faible für Kartografie und architektonische Zeichnungen, weshalb die vier riesigen Gemälde Mogamma der amerikanischen Künstlerin Julie Mehretu für mich wie gerufen kamen. Sie zeigen ein druckgrafisches, sich mehrfach wiederholendes und sich überlagerndes Muster aus Bruchstücken von Fassadenansichten und Architekturgebilden aus feinen schwarzen Linien auf weißem Untergrund. Darüber ein graues Durcheinander an abstrakten Linien, Punkten, Klecksen, groben Verpixelungen, Bleistift- und Tintenspuren und wilden Pinselstrichen, teilweise verwischt, mal dichter und mal durchlässiger aufgetragen. Aus der Ferne erscheinen diese zeichnerischen Strukturen und Texturen als Landkarte mit Erhebungen, Gebirgen und Tälern, andere Stellen erinnern an Lage- oder Gebäudepläne, Städteraster, Flugrouten oder Autobahnstrecken und verweisen auf bekannte öffentliche Räume und Reisesysteme, die sich erst in der subjektiven Betrachtungsweise zu konkreten Orten und gesellschaftspolitisch bedeutsam gewordenen Schauplätzen wie dem Kairoer Tahrir Square als Ausgangspunkt des Arabischen Frühlings verdichten. Über allem thronen schließlich transparente geometrische Formen aus lasierend aufgetragener Acrylfarbe, die an Signale oder Markierungsfähnchen erinnern und wiederum von schlichten, geraden Filzstiftstrichen überlagert werden und den Bildern eine vielschichtige Tiefe verleihen. Damit werden die Gemälde zu einem faszinierenden Farb- und Formerlebnis, das den ruhelosen Blick zum Schweifen bringt, rastlos, hierhin, dorthin, Wahnsinn!

Eine kleine Foto-Collage von Ausschnitten der besprochenen d(13) Werke

Zum Schluss habe ich noch ein paar Schnappschüsse von zwei Kunstwerken aus der Karlsaue angehängt, die sich vor Ort einfach dadurch auszeichnen, dass sie interessant zu beobachten sind. Außerdem hat mich die entwaffnende Ehrlichkeit der mitgehörten Kommentare von anderen Besuchern zu diesen beiden Arbeiten zum Schmunzeln gebracht:

"Hier schwappt Wasser!" - Zu Massimo Bartolinis Untitled (Wave).


"Hä, irgendwie sieht das jetzt ganz anders aus, nicht mehr so schön." Zu Song Dongs Doing Nothing Garden


Stellvertreter für alles, was ich aufgrund der Bullenhitze leider nicht mehr sehen konnte...

4 comments:

  1. Das wasserwellenbecken sieht echt schön aus! Ganz einfaches ist meist das beste ;) aber der rest ist mir irgendwie zu modern ....

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    1. Dir hätten bestimmt die astronomischen Gerätschaften gefallen, ich kam mir manchmal vor wie in einer Wunderkammer, alles voller Globen, Sonnenuhren, Zeitmesser, war schon cool, nur ich wollte ja vor allem zeitgenössische Kunst sehen :-)

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  2. Ich finde das Limited Art Project echt genial!

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  3. danke für deine tolle bewerbung! freut mich sehr, dass du deinen blog so schön ausführlich beschrieben hast :)

    und die idee mit dem buch-schlüsselkasten ist ja der hammer! werd ich mir auf jeden fall merken! :D solltest du wirklich posten ;)

    liebste grüße

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