Artdate: mit "Gute Aussichten" in den Deichtorhallen dem Leben auf der Spur


Nah am Menschen. Wer wissen möchte, was dieses Thema für die zeitgenössische Nachwuchsfotografie bedeutet, der hat noch bis zum 8. März 2015 Zeit, die Hamburger Deichtorhallen zu besuchen und sich im Haus der Photographie die Ausstellung "Gute Aussichten - junge deutsche Fotografie 2014/2015" anzuschauen. Ich war heute da und fand die gezeigten Arbeiten so schrecklich ergreifend und auf ganz unterschiedliche Weise berührend, dass die nun schon zum 11. Mal stattfindende Ausstellungsreihe in diesem Jahr bei mir einen besonders prägenden Eindruck hinterlassen hat. Drei Beispiele: 

Bild oben: Andrea Grützner: Erbgericht, 2013/14. © Andrea Grützner
Kolja Warnecke: spuren. 2014. © Kolja Warnecke

Die Ausstellung beginnt mit 50 Fotografien von Kolja Warnecke. In seiner Serie "Spuren" dokumentierte der Hamburger Fotograf sechs Monate lang das Leben einer übergewichtigen Frau namens Bea. Wer gelegentlich im Netz unterwegs ist, der weiß, dass es heute nichts ungewöhnliches ist, über das Medium der Fotografie fremden Menschen zu folgen und auf diesem Wege Anteil an ihrem Leben zu nehmen. So bekommen wir auch hier Beas Wohnung, Beas Haustiere, Beas Kleiderrepertoire und Detailaufnahmen von Beas Schmuck, Beas Tattoos und Beas Körper zu sehen. Dennoch kann ich versprechen, dass diese Aufnahmen ein Kontrastprogramm zu allem darstellen, was wir an digitaler (Selbst-)Inszenierung gewohnt sind. Diese Lebensspuren sind so erdrückend authentisch, ungeschönt und voller Einsamkeit, dass ihre schonunglose Andersartigkeit kaum zum Aushalten ist. Leider bietet das Pressematerial hier kein repräsentatives Bild, aber die Serie findet ihr auch hier.

Katharina Fricke: Ein Tag im Oktober. Oder November. Oder Dezember. 2014. © Katharina Fricke

"13 alltägliche Wege der Bewohner des Bielefelder Stadtteils Sennestadt hat Katharina Fricke mit ihrer Kamera abgeschritten." Als ich diesen Satz im Programmheft las, ohne die 156 dazugehörigen Sepia- und Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Serie: "Ein Tag im Oktober. Oder November. Oder Dezember" gesehen zu haben, ahnte ich schon was kommt. Vielleicht habe ich zu diesen kleinformatigen Arbeiten auch deshalb eine so große emotionale Bindung, weil meine ostwestfälischen Wurzeln beim tristen Anblick jeder einzelnen Häuserfassade, Garage, Einfahrt und jedes Leerstands amüsiert bemerkten: "Kenn ich, kenn ich, ja, so sieht es da aus" und ich mich zugleich an die unbeschreibliche Trostlosigkeit, Enge und alltägliche Eintönigkeit erinnert gefühlt habe, mit der ich diese Orte verbinde. Diese Arbeiten drücken für mich all die Gründe aus, warum ich schon immer den Wunsch gehegt habe, in die Großstadt zu flüchten.

Marvin Hüttermann: Es ist so nicht gewesen. © Marvin Hüttermann

Nach einem Streifzug durch das Leben von Bea und Bielefelder Wohnsiedlungen darf man sich auch beim Anblick der Fotografieserie "Es ist so nicht gewesen" von Marvin Hüttermann keine Illusionen machen. Zu sehen sind Ausschnitte von Leichen in Särgen, aber viel schlimmer als die konkrete Konfrontation mit dem Tod waren für mich die Arbeiten, auf denen dokumentiert ist, was übrig bleibt. Ein Wecker, der vielleicht den Todeszeitpunkt seines Besitzers anzeigt, eine geflieste Küche, die verrät, dass sich in diesem Haushalt seit dem Einzug vor 40 Jahren nichts mehr geändert hat, oder die Plastikbadehaube, die akkurat über dem Duschkopf hängt. Diese indirekten Verweise auf das, was Menschen nach ihrem Tod zurücklassen, bescheren Kopfkino hoch zehn. Bea und Bielefeld post mortem sozusagen. 
In Gegenwart von so viel menschlicher Nähe ist es nur allzu beruhigend, dass im letzten Ausstellungsraum die großformatigen Fotoarbeiten von Andrea Grützner warten. Ihre malerische Farbigkeit eröffnet nach so viel beklemmender Nestwärme einen erfrischend klar strukturierten Raum zum Luftholen.

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